Alte Gläser

In Zeiten von Autofokus und zig Hilfsprogrammen alte Objektive an die Kamera zu schrauben um damit zu fotografieren? Wer macht denn so etwas? Kurz gesagt: Ich, weil es eine ganz andere Art der Fotografie ist.

Einerseits haben diese alten Linsen einen ganz besonderen Look, andererseits muss man sich mit einem manuellen Objektiv Zeit nehmen für sein Bild. Anlegen, Fokuspunkt einstellen, Auslöser drücken…Fehlanzeige.
Dafür warten Traumhafte Bokehs, Swirl-Effelte oder kreisrunde Lichtreflexe, die man als Seifenblasenbokeh bezeichnet. Der Reiz dieser Objektive hat mich erwischt, als ich die ersten Aufnahmen von einem alten Trioplan gesehen habe. Solche Aufnahmen vor die Nase zu bekommen, wenn man bisher noch nie danach gesucht hat, war beim 100jährigen Jubiläum von Meyer Optik Görlitz nicht wirklich schwer.
Videos von Mathieu Stern, einem Experimental-Fotografen, diverse Seiten zu Helios-44-2-Linsen aus Russland, Zeiss-Gläsern und noch einiges mehr, brachten mich immer weiter in die Tiefe dieser Materie. Aber so richtig heran getraut habe ich mich zuerst nicht.

Trioplan 100mm an Olympus E-M1II

Auf die Plätze, fertig, los…

Ins kalte Wasser muss man dann aber doch springen und so hatte ich mir zuerst über Kickstarter die Neuauflage des Trioplan 50mm F2.9 von Meyer Optik Görlitz gesichert. Aber so richtig Vintage ist das dann doch nicht.
Wenn schon, denn schon und so habe ich mich dann ins richtig kalte Wasser gestürzt und bei einem alten Trioplan 100mm F2.8 red V zugeschlagen. Erste Bilder tauchten kurz danach in der Ein Tag ein Bild Serie auf und mir wurde klar, das es eine ganz andere Art der Fotografie ist.

Wie erwähnt, ganz ungeübt mit manuellen Objektiven bin ich nicht und so wurde die Linse mittels Adapter an die Kamera geschraubt drauf los fotografiert. Geschraubt ist nebenbei das richtige Wort, das Trioplan hat ein M42 Gewinde. Diese Eigenheiten haben aber nichts damit zu tun, das es eine andere Art der Fotografie ist. Ich denke ich kann mich mich den Reihen der anderen Altglas-Liebhabern anschließen, wenn ich sage es ist Entschleunigung pur. Er wird einem mit einer alten Linse bewusst, wie viel schneller unsere Fotografie dank Autofokus und diversen Hilfsprogrammen geworden ist. Im M-Modus meiner Kamera kann ich mit einer Hand Blende und Verschlusszeit einstellen, den Auslöser halb durchgedrückt und das Bild ist scharf.
Beim Altglas wird die Blende an einem eigenen Rad am Objektiv eingestellt und mit einem zweiten Rad scharf gestellt. Etwas das Zeit benötigt, einem selbst aber auch dabei hilft sich der eigenen Fotografie bewusst zu werden. Man achtet sehr viel mehr auf den Bildauschnitt, plant sorgfältiger den Aufbau.

Eines geht noch…

Das Gear-Acquisition-Syndrom lies übrigens nicht sehr lange auf sich warten. Ein zweites Altglas aus russischer Produktion hielt Einzug. Das Helios 44-2, von dem es auch schon Aufnahmen bei Ein Tag ein Bild zu sehen gab, hat mich mit dem ersten Einsatz fasziniert. Waren sowohl das alte und das neue Trioplan ein wenig zickig, gelangen mir mit dem Helios von Anfang an sehr gute Aufnahmen. Im harten Gegenlicht neigt die Linse dazu Lens-Flares zu erzeugen, was man entsprechend gestaltend im Bild verwenden kann und das Bokeh bubbelt leicht bei der richtigen Technik. Die Mechanik läuft sauber und ich bekomme die Linse anstandslos auf den Fokus scharf.

Beim Blümchen fotografieren

Wenn man mich so schreiben liest, kann man vielleicht den Eindruck gewissen, das ich den neuen Objektiven den Rücke kehre. Da muss man sich aber keine Sorgen machen. Jedes Objektiv, ganz gleich ob alt oder neu hat seinen eigenen Charakter. Meine Bilder werden nur durch ein Helios oder Trioplan mit Sicherheit nicht von heute auf morgen überragend besser. Aber seitdem ich  Altglas nutze, finde ich mich wieder sehr viel häufiger auf dem Boden sitzend und durch den Sucher starren, habe Staub in den Klamotten und liege auch mal im nassen Gras. Es macht wahnsinnig Spaß  zu experimentieren, erweitert meinen fotografischen Horizont und lehrt einen wirklich viel über das Fotografieren an sich. Ihr dürft Euch sicher sein, das Ihr hin und wieder von Neuzugängen und Erlebnissen lesen könnt.

Bei deviantArt und Facebook habe ich nebenbei für die Altgläser eigene Galerien eingerichtet. Denn nur lesen macht bei weitem nicht so viel Spaß, wenn es keine Bilder dazu gibt.

Vielleicht möchtet Ihr auch eine Frage zu einem Objektiv stellen oder habt eine Anregung für mich, dann dürft Ihr gerne über einen der vielen Wege Kontakt aufnehmen. Ich freue mich.

Bis zum nächsten Mal, hier auf Pilgerrazzi.de

 

 

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